Bunker in Rüstersiel

 

 

Der Wilhelmshavener Stadtteil Rüstersiel weist eine ungewöhnliche Dichte an Luftschutzanlagen auf. Neben dem einzigen bisher nachweisbar bombensicheren Selbstschutz-Hochbunker des Stadtteiles, dem "Zellenbunker" an der Rüstersieler Straße Ecke Kniphauser Deich, gab es einige weitere Anlagen, welche hier nachfolgend aufgeführt werden.

Der Hochbunker Rüstersiel...

 

... wurde nicht aufgrund seiner zahlreich vorhandenen Raumzellen im Inneren "Zellenbunker" genannt. Der Begriff stammt im eigentlichen Sinne vom Stadtteil Rüstersiel selbst, welcher in der NS-Zeit als "Siedlungszelle" bezeichnet wurde. In Wilhelmshaven gab es, wie auch in anderen Städten, weitere Bunker, welche diese Bezeichnung trugen. Der "Zellenbunker" Mariensiel stellt hierbei ein weiteres Beispiel des Raumes Wilhelmshaven dar.

 

 

In frühen Kriegstagen suchte die Rüstersieler Bevölkerung in den eiligst verbunkerten Katakomben und Infanteriewerken des alten Rüstersieler Forts Schutz. In späteren Kriegstagen wurde auf dem Fortgelände Rüstersiel ein (jedoch nur Militärangehörigen vorbehaltener) Kriegsmarine-Hochbunker erbaut.

 

Die verbunkerten Katakomben und Infanterieanlagen waren nicht volltreffersicher. Behelfsbunker, wie zum Beispiel das Bauwerk an der Waagestraße gegenüber der ehemaligen Firma "Blumen Fass"...

...wurden errichtet und bereits vorhandene Luftschutzkeller wurden verstärkt.

Mindestens drei pilzförmige Einmann-Splitterschutzzellen wurden im Bereich des ehemaligen Marinedurchgangslagers (später Hochschuldorf, dann Marineunterstützungskommando der Bundeswehr, heute Neubaugebiet) aufgestellt. Sie waren lediglich splittersicher und schienen in diesem Fall der dortigen Aufstellung für Wachmannschaften als Schutz gedient zu haben. Zwei der Zellen wurden schon früh nach Kriegsende entfernt. Die Zelle im Ostbereich war bis mindestens 1974 vorhanden.
Im Marinedurchgangslager befand sich unter anderem ein mutmaßlich schon vor Kriegsbeginn errichteter Tiefbunker für 960 Personen. Dieses Bauwerk wurde nach weiterer Nutzung durch die Bundeswehr zeitgleich mit dem Abriss der Baracken vor einigen Jahren entfernt, um dem Neuwohngebiet Platz zu schaffen.

Zwei leichte Flakstellungen sind bisher im Bereich Rüstersiel nachweisbar. Die erste befand sich in der Verbunkerung des Rüstersieler Forts, die zweite auf dem Deich in Höhe Ende der Waagestraße. Dort befand sich in unweiter Entfernung auch ein Scheinwerferstand.

Nach der Errichtung von Behelfsbunkern und dem Ausbau von LS-Kellern wurde zum Anfang des Krieges der so genannte "Weinbunker"...

...ein splittersicherer kleiner verklinkerter (weinroter...) Rundturm am Ende der Waagestraße vollendet. Seine Wände bestanden komplett aus circa 50 cm starkem Mauerwerk. Seine Geschossdecke und die Abschlussdecke bestanden aus Stahlbeton. Er war Teil einer sich über das ganze Stadtgebiet erstreckenden bauartgleichen Bunkerserie, welche größtenteils schon vor Kriegsbeginn fertig gestellt worden war. Es könnte möglich sein, dass der Bunker Teilen der Flakmannschaft / Scheinwerferstandbedienung Schutz bot und gerade deshalb dort errichtet wurde. Jedoch war hier zudem auch ein Strandbad ansässig. Heute ist das Bauwerk entfestigt und teilweise zum Wohnhaus umgebaut worden. Woher der Bunker seinen Spitznamen bekam, ist unklar. Aufgrund seiner weinroten Farbe? Oder weil Wilder Wein an den Wänden wächst? Wurde Wein im Bunker gelagert?

Erst im Jahr 1943 war der obig beschriebene "Zellenbunker" Rüstersiel fertig gestellt. Erst ab diesem Zeitpunkt war relativ sicherer Bombenschutz für den Großteil der Rüstersieler gewährleistet. Da im nahen Altengroden kein bombensicherer Bunker fertig gestellt wurde, strömten auch Teile der Bevölkerung aus dem Bereich Altengroden Ost nach Rüstersiel, um in der Anlage Schutz zu finden...

 

Ansicht der Splitterschutzzellen Nord und Süd im ehemaligen Marinedurchgangslager.

 

Auflistung der bisher nachgewiesenen LS-Anlagen im Bereich Rüstersiel:

Bunker in Rüstersiel
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass im Gebiet Rüstersiel weitere Luftschutzanlagen, höchstwahrscheinlich der Bauart Erdbunker / Kleinbunker, gestanden haben, beziehungsweise im heute durch Wohnhäuser überbauten Zustand stehen.
1.

Rüstersieler Straße 67, eckiger Kleinbunker

Baujahr 1939-1940 20 Plätze 1 Ebene

KB teilweise Werkluftschutz anliegende Schmiede und Stellmacherei / später Maschinenbaufirma
NBS

seit dem 15. April 2016 ABG E letzte Reste bis 29. April 2016 zerkleinert / Gebäude seit Mitte April 2016 bereits komplett ABG E gewesen

vormals ungenutzt, im Jahre 2016 leicht unter Wasser, bis zum Abriss der Gebäude überbaut gewesen mit Nachkriegs-Lagerschuppen Maschinenbaufirma "G. Faß", später "B. Tjaden", Neubaugebiet, mittlerweile Kindergarten
2.
LSTR K
NBS
U
teilweise Wohnhaus
?

Rüstersiel, auf dem Deich, am Ende der Waagestraße, Scheinwerferstand, Verbunkerungen ?

Zumindest Stahlplatte und Halterung für Scheinwerfer auf der Deichkrone nachgewiesen, in den 1960er Jahren entfernt / Deich wurde nicht erhöht !

"Scheinwerferstand Nr. 24"

Hinweise auf leichten Flakstand etwas weiter nördlich auf dem Deich / Verbunkerungen ?

Scheinwerferstand / Scheinwerferstandstellung Marineflakbrigade

NBS
E
Krone alter Deich
3.

Firma "Blumen Fass", Waagestraße 15, eckiger Kleinbunker

Baujahr 1939-1940 20 Plätze 1 Ebene

KB teilweise Werkluftschutz anliegende Gärtnerei "Fass"
NBS
November-Dezember 2006 ABG E
vormals bis zum Abriss der Gebäude über- und umbaut mit Nachkriegs-Gewächshaus, Neubaugebiet, zusammen mit Gebäuden von "Blumen Fass" abgerissen
4.
KB
NBS
Anfang 2011 ABG E
vormals teilweise aufgebrochen, Abstellraum, Garage, zusammen mit Anliegergebäude abgerissen, heute Neubaugebiet
5.
KB
BS
V
Lagerraum
6.

Rüstersiel, Rüstersieler Straße, "Zellenbunker", eckiger Hochbunker

I. Welle Fertig gestellt erst 1943 677 Plätze 1 Ebene

Wandstärke: 1,10 Meter / Deckenstärke: 1,40 - 1,90 Meter / Länge: 36,65 Meter / Breite: 18,25 Meter / Höhe: 4,65 Meter

Nutzraum: 540 qm

Ausführung der Bewehrung: Gitterraum

Kosten: wohl 436400 RM

HB Selbstschutz

Bauausführung: Bauunternehmen Hermann Möller / Wilhelmshaven

auch "Schulbunker" (für ehemals anliegende Schule am Kniphauser Deich / "Schule Kniphausersiel")

BS
V

teilweise abgesackt, Risse im Dach, teilweise unter Wasser, teilvermietet, Lager, Fledermausquartier

Zivilschutz / Katastrophenschutz - bedingt bereit gestellt -

Restinventar mittlerweile demontiert, Entlassung aus Katastrophenschutzbindung 2010-2011 / danach Veräußerung durch BIMA

Stand 06/11: Rückgabe an Bund / BIMA in zweiter Jahreshälfte 2011

Stand 02/16: Noch immer in städtischem Eigentum / Entdeckung von Fledermäusen Ende 2015 / somit zukünftig zumindest in den Wintermonaten Fledermausquartier

Stand 08/16: Weiterhin in städtischem Eigentum / Rückgabe an Bund / BIMA ist bis heute nicht erfolgt / Entdeckung von Fledermäusen Ende 2015 / in den Wintermonaten nun offiziell ausgeschriebenes Fledermausquartier

Fledermausquartier

7.

TB Kriegsmarine

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

BS
ABG E
Neubaugebiet
ERD Bundeswehr
NBS
ABG E
Neubaugebiet
8.
Tiefbunker "ehemaliges Heizwerk", wohl Kesselhaus, ehemaliges Marinedurchgangslager, genauer Standort unbekannt

TB Kriegsmarine

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

unbekannt
ABG E
Neubaugebiet
9.

Feuerlöschteich ehemaliges Marinedurchgangslager 1

Ursprüngliche Bezeichnung: FT84 / Waagestraße / 500 Kubikmeter

FE Kriegsmarine

26

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

-
E
Neubaugebiet
10.

FE Kriegsmarine

27

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

-
E
unbekannt, wohl Neubaugebiet
11.

EMS Kriegsmarine

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

NBS
circa 1949 ABG E
Neubaugebiet
12.

EMS Kriegsmarine

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

NBS
circa 1949 ABG E
Neubaugebiet
13.

EMS Kriegsmarine

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

NBS
wohl späte 1970er Jahre ABG E
Wohngebiet, Neubaugebiet, Schlengenweg
14.
"Kartoffelbunker" ehemaliges Marinedurchgangslager, Verbunkerung Lebensmittelvorräte, Luftschutz, eckiger Kleinbunker, integriert in Gebäude, genauer Standort unbekannt

KB Lebensmittelbunker Kriegsmarine

Luftschutzanlage für Lager Rüstersiel

NBS
ABG E
Neubaugebiet
15.
KB / ERD / HB Kriegsmarine
NBS / Hochbunker: BS
ABG GES R Reste und Hochbunker GES R V
Gelände Vogelwarte Helgoland, gesperrt, Brachfläche, Schutzgebiet, Gewölbe größtenteils eingefallen, Hochbunker im Bereich heutiger Institutsgebäude Vogelwarte Helgoland
16.

Fort / Infanteriewerk Rüstersiel

Gesicherte Löschwasser-Zisterne / Brunnen 1, Fort Rüstersiel

200 Kubikmeter

Löschwasser-Zisterne / Brunnen Kriegsmarine

NBS

E

Gelände Vogelwarte Helgoland, gesperrt, Brachfläche, Schutzgebiet
?

Fort / Infanteriewerk Rüstersiel

Hinweise auf Kleinbunker im Waldgebiet vom Fort Rüstersiel, eventuell Splitterschutzzelle ?

Nachtrag 25.09.13: Im diesbezüglichen Hinweisartikel der Wilhelmshavener Zeitung als "kleiner Bunker" bezeichnetes Gebäude ist ein weitgehend zerfallenes historisches Nebengebäude im Gelände der heutigen Vogelwarte an der jetzigen "Heinrich Gätke-Halle"

EMS Kriegsmarine ?
NBS
Objekt soll V sein

Gelände Vogelwarte Helgoland, gesperrt, Brachfläche, Schutzgebiet, unbekannt, soll von "Hundefänger zur Hundefalle (?) umfunktioniert worden sein"

Nachtrag 25.09.13: Im diesbezüglichen Hinweisartikel der Wilhelmshavener Zeitung als "kleiner Bunker" bezeichnetes Gebäude ist ein weitgehend zerfallenes historisches Nebengebäude im Gelände der heutigen Vogelwarte an der jetzigen "Heinrich Gätke-Halle"

17.
KB
NBS
V
Grundstück "Schröders schöne Aussicht", angesetzt an nachträglich errichtetes Gebäude, Lagerraum

 

Hier ein kurzer Abriss der Geschichte Rüstersiels:

"Die Geschichte Rüstersiels beginnt mit dem Bau des 1. Kniphauser Siels (1520) südlich des Kreuzelwerks.
Ab ungefähr 1607 begann die Besiedelung in dem "Doppelsielort" Kniphausersiel - Rüstringersiel.

Seit dem Jahr 1868 heißt das Dorf Rüstringersiel, amtlich Rüstersiel.

Mit dem Bau des Rüstersieler Forts wird im Rahmen eines Festungsplanes für den Kriegshafen Wilhelmshaven im Jahr 1876 begonnen.

Bis zum Jahr 1911 lebte Rüstersiel hauptsächlich von den Einnahmen durch den Hafen und den im Rüstersieler Fort stationierten Soldaten. Diese wurden noch im selben Jahr abgezogen.

Ab diesem Zeitpunkt begann für Rüstersiel eine neue Ära. So wurde aus der Stammtischidee einiger Geschäftsleute ein kühnes Projekt geboren: Das Nordseebad Rüstersiel.

Die Epoche des Nordseebads Rüstersiel endete 1939, als bei einer erneuten Sturmflut die gesamten Strandanlagen zerstört wurden. Bedingt durch die Kriegsjahre und der aufkommenden Pläne zur Eindeichung des Rüstersieler Watts wurden die zerstörten Anlagen nicht wieder aufgebaut.
Durch die Eindeichung des Rüstersieler Watts und dem Bau des ca. 3 km entfernten Maadesiels (1948-1951) war der Hafen- und Badeort von der Nordsee abgeschnitten.

Nach dem Beginn der Eindeichung des Waagegrodens (1927) durch den Bau des Rüstersieler Seedeichs, wurde in den Folgejahren mit der Planung der "Siedlung" in Kniphausen begonnen. 1929 konnte das erste Richtfest in der Siedlung gefeiert werden. In der Anfangsphase sah das neu erschlossene Baugebiet eher trostlos und verlassen aus. Kein Baum kein Strauch, nur Einöde.
Daher bekam die Siedlung auch den Namen "Kummersdorf". Nachdem die ersten Jahre vergangen waren, konnte man nicht mehr von einem "Kummersdorf" reden. Die zu bewältigenden Probleme führten schon bald zu einem starkem Zusammenhalt bei den Siedlern. 1949 folgte der Anschluss der Siedler zum Deutschen Siedlerbund (Kreisgruppe Voslapp), aus dem später die Gemeinschaft Rüstersiel entstand.

Am 1.4.1937 wird nach der Zusammenlegung von Rüstringen und Wilhelmshaven Rüstersiel eingemeindet. Durch eine Gebietsreform wurde am 1.6.1938 auch Kniphausersiel in Wilhelmshaven eingemeindet.

Die neue Maadebrücke in Rüstersiel wird im Jahr 1968 eingeweiht. Im Jahr 1971 wird das Siel in Rüstersiel abgebrochen. Der angrenzende Deich wird abgetragen. Während der Baggerarbeiten wurden die Reste des 1. und 2. Rüstersieler Siels geborgen. Leider fielen auch die Ulmen in dem Wäldchen hinter dem Deichschart der Axt zum Opfer.

Im Jahr 1993 wird nach dreijähriger Bauzeit das neue Maadesiel eingeweiht. Das alte ca. 200m entfernte Maadesiel wurde abgebrochen.
Ein Teil des Marineunterstützungskommandos wird 1994 aus Rüstersiel abgezogen. Danach wird mit dem Abriss der Baracken begonnen."

Quelle: www.ruestersiel.de

Viele weitere Informationen über Rüstersiel können im Buch "Der Waagegroden / 75 Jahre Waagegroden" von Doris Wilkens in Wort und Bild recherchiert werden. Wir danken Frau Wilkens für die zahlreichen Informationen über Rüstersiel und seine Bunker.

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